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Meine Mutter (88) und mein Vater (88) sind beide schwerst pflegebedürftig.

Vielen meiner Bekannten geht es ähnlich, oder sie haben ältere Geschwister in derselben Situation.

Die meisten scheer Pflegebedürftigen warten auf den Tod, wünschen sich diesen sehnsüchtig herbei. Meine Mutter meinte: 

"Jeden Abend vor dem Schlafengehen bete ich, dass ich endlich gehen darf. Ich will nicht mehr, es ist doch ein furchtbares Leben."

Meine Mutter sitzt wegen einer Parkinsonerkrankung im Rollstuhl, sie kann mit Mühe den rechten Arm und grobmotorisch die rechte Hand bewegen. Das war´s. Sonst geht an Bewegung nichts mehr. Sie leidet, sie weiß um die Belastung ihrer Kinder. Bis 85 war sie super fit, nie krank, nie im Krankenhaus bis auf die drei Geburten, immer im Garten und immer in Bewegung. Zusammen mit meinem Vater, der ein noch schlimmerer Pflegefall ist,  wegen seiner Demenz auch keine Sätze mehr formulieren kann, weil ihm die Worte fehlen, sind beide eine große familiäre Herausforderung. Und das in vielerlei Hinsicht: Finanzen, Pflege, Organisation, Administration mit den Krankenversicherungen, die tägliche normale Versorgung, Haushalt und vieles mehr.

Darüber wird die seelsorgerische Aufgabe total vergessen, alle sind erschöpft, keine Zeit dafür. Aber auch die eigene seelische Belastung fordert jeden von uns:

Es auszuhalten, den Vater plötzlich Füttern zu müssen.

Ich bemühe mich bei meiner Mutter, mir jeden Tag Zeit für ein paar Fragen zu nehmen, vor allem, wenn sie die Nacht nicht schlafen konnte: 

"Was ging dir denn durch den Kopf?"

Als Antwort höre ich  immer wieder nur den Satz, dass endlich Schluss sein soll. Ich verstehe diesen Wunsch, und das darf ich auch sagen. Letztlich ist ihr Zustand jetzt nicht zu ändern.

"Du musst dieses Leben einfach akzeptieren. Wenn du immer dagegen angehst, wird es nur schlimmer. Du darfst jetzt einfach nur SEIN. Ohne Pflichten, Aufgaben, Rollen. Du musst nichts mehr und kannst nichts mehr."

Da blickte sie mich überrascht an. EINFACH NUR SEIN ZU DÜRFEN! Das kam ihr gar nicht in den Sinn.

"Ich bin total nutzlos, nur eine Last."

Streng genommen hat sie vielleicht recht, je nachdem welche Maßstäbe man anlegt in unserer leistungsorientierten Gesellschaft. Gleichzeitig  erinnere ich sie an alles, was sie für andere geleistet hat. Wie stark sie war, ihre Hingabe und Hilfsbereitschaft und Leistungsstärke. Und ich meine: 

"Das ist oaky, dass sich jetzt andere Menschen um dich kümmern, dass du Hilfe bekommst!"

Irgendwie kam diese Botschaft bei ihr an.

Zum Schluss meinte ich: "Du übst jetzt jeden Tag, einfach nur ZU SEIN! Dass das okay ist. Wenn du loslässt, kannst du vielleicht gehen!"

Und sie nickte. Die darauffolgende Nacht hat sie wunderbar geschlafen.

Diese Aufgabe, die meine Mutter jetzt noch zu bewältigen hat, ist eine unglaubliche Herausforderung.

Aber es bietet ihr die Chance, weiterhin zu wachsen, quasi über sich hinaus zu wachsen. Bis zum letzten Atemzug können wir dazulernen.

Denn sie konnte sich ihr ganzes Leben selbst nicht einfach akzeptieren ohne Funktion, Bedeutung, dass es gut ist, dass sie einfach da ist.

Letztlich rennen wir alle ja irgendetwas oder irgendwem hinterher. Unser Selbstwertgefühl muss bei manchen mehr - bei anderen weniger aufpoliert werden.

Bei der Filmarbeit mit den 8 Hundertjährigen habe ich das in den vielen Jahren von diesen gelernt: Die Akzeptanz der reinen Existenz. Das konnten diese Hundertjährigen wirklich gut.

Auch wir können von hochaltrigen und schwer pflegebedürftigen Menschen lernen!

Schönreden hilft nix, aber ein Perspektivwechsel manchmal schon.